"Don't make me think!" von Steve Krug

Bild von Christian Otto

Steve Krug hat schon vor etlichen Jahren, als das Thema "Usability" im Bereich Webdesign eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, sein wegweisendes Buch "Don't make me think!" veröffentlicht. Das Buch wird als eine Art Usability-Bibel im Webdesign angesehen und ist vor einiger Zeit aktualisiert worden. Ich finde das Buch grundsätzlich auch gut, aber wenn man sich schon einmal umfassender mit dem Thema Mensch-Computer-Kommunikation auseinander gesetzt hat, liefert es nicht wahnsinnig viele neue Erkenntnisse.

Nachfolgend habe ich mal zusammengetragen, was Steve Krug an Kernaussagen und -thesen in dem Buch veröffentlicht hat.

1. User lesen keine Seiten, sie überfliegen sie!
Wir „scannen“ Seiten eher, als das wir sie wirklich lesen, auf der Suche nach Wörtern oder Redewendungen, die sofort ins Auge springen. Dabei konzentrieren wir uns auf Dinge, die zu unserem momentanen Interesse oder zur aktuellen Aufgabenstellung passen, sowie auf Reizwörter.

2. User wählen nicht immer die beste, meist die erste annehmbare Option!
Diese Strategie ist bekannt als „Satisficing“. Meist sind User in Eile, da ist Satisficing effektiv. Raten macht Spaß, in aller Regel kann dem User kein großer Schaden entstehen (z.B. Fallback "zurück"-Button im Browser).

3. User befassen sich nicht damit, wie etwas funktioniert!
Es findet eher ein „Durchwursteln“ denn ein komplettes Lesen einer Bedienungsanleitung statt. Warum: es ist den Benutzern nicht wichtig, alles zu verstehen, es zählt die Benutzbarkeit und das Resultat. Und: wenn User erst einmal ihre eigene Bedienungsweise herausgefunden haben, bleiben sie dabei, suchen keine neuen Weg.

4. Eine klare visuelle Hierarchie schaffen!
Vorteile von Konventionen nutzen. Sie bieten ein Gefühl der Vertrautheit, Sicherheit. Sie helfen den Usern, die Funktionalität zu begreifen. Ersatzvorschläge müssen offensichtlich und selbsterläuternd sein.
Klar definierte Bereiche schaffen. Je wichtiger etwas ist, desto auffälliger sollte es sein. Logisch verknüpfte Dinge auch visuell verknüpfen! Visuelle Verschachtelungen herausstellen.
Keinen Zweifel aufkommen lassen, was anklickbar ist.

5. User nehmen auch viele Klicks in Kauf, wenn sie die fortdauernde Sicherheit haben, auf dem richtigen Weg zu sein.
Eine Auswahl gedankenlos treffen zu können, macht eine Site leicht bedienbar.

6. Nutzlose Wörter weglassen!
Dies reduziert das „Rauschen“ auf der Seite und stellt nützlichen Inhalt deutlicher heraus. Es kürzt Seiten und verhindert das Scrollen. „Happy talk“ = Bla bla = Frei von Inhalt = für den User nutzlos = Weglassen. Auch Instruktionen sollten dadurch, dass alles selbsterklärend ist (bzw. sein sollte), eliminiert werden.

7. Der User hat kein Gefühl für Größenverhältnisse, kein Gefühl für Richtung und kein Gefühl der räumlichen Orientierung auf einer Website (anders als z.B. in einem Geschäft).
Er fragt sich: habe ich alles Interessante entdeckt, oder habe ich etwas verpasst? Daher sind Lesezeichen so wichtig, und daher macht der zurück-Button ca. 30-40% aller Webklicks aus. Webnavigation kompensiert das fehlende Gefühl des „Ortes“, indem es die Hierarchie verkörpert und ein Gefühl schafft, „wo“ man ist.

8. Webnavigation sollte verdammt gut sein!
Navigation enthüllt den Inhalt. Sie sagt uns, wie wir die Seite benutzen sollen. Sie schafft Vertrauen in diejenigen, die sie geschaffen haben.
Eine persistente Navigation sollte 5 Elemente beinhalten, die jederzeit verfügbar sind: Site-Kennung (Logo), einen Weg zurück (Home), einen Weg zur Suche, Utilities (Hilfe etc.) und die Sektionen (Themen).
Such-Optionen sollten erst dann ermöglicht werden, wenn es schon eine Ergebnismenge gibt, die dann weiter eingeschränkt werden soll. Nicht bereits die Standard-Suchbox mit dieser Möglichkeit vorsehen.
Es ist beim Website-Layout/-Konzept lebenswichtig, Beispiel-Seiten zu haben, die die Navigation für alle potenziellen Levels der Site anzeigen.
Jede Seite braucht einen Seitennamen, nicht nur eine Hervorhebung innerhalb der Navigation. Er sollte so erscheinen, dass er den Inhalt dieser Seite „einrahmt“. Er sollte auffällig sein und zu dem passen, was ich gerade angeklickt habe.

9. Es geht nichts über einen guten Slogan!
Gute Slogans sind klar und informativ. Sie sind gerade lang genug (max. 6-8 Worte). Sie transportieren eine klare Differenzierung und einen deutlichen Nutzen. Sie sind lebendig und manchmal clever.

10. Fokusgruppen sind keine Usability-Tests!
Eine Fokusgruppe (ca. 5-8 Personen) reagiert auf Designs und Ideen, die ihr gezeigt werden. Fokusgruppen sind gut geeignet, um schnell eine Auswahl der User-Meinungen und -Gefühle über bestimmte Dinge zu erhalten.
In einem Usability-Test wird nur einem einzigen Anwender etwas gezeigt. Er wird gebeten, entweder eine bestimmte Aufgabe zu lösen, oder herauszufinden, worum es sich hierbei handelt.
Fokusgruppen sind nicht geeignet um zu erfahren, ob die Site funktioniert und wie man sie verbessern kann!

11. Bevor man mit dem Design einer Site beginnt, sollte man vergleichbare Sites testen und testen lassen.

12. Reaktionen auf die Usability-Tests
- „Kajak“-Probleme (der User findet schnell selbst die Lösung) ignorieren
- Wenn User etwas nicht begreifen: Eher etwas entfernen, das die Bedeutung verschleiert, als eine weitere Ablenkung hinzuzufügen (z.B. eine Erklärung oder Anweisung)
- Bei Nachfragen nach neuen Features skeptisch/reserviert sein – Der User wird das Feature eher dort weiter nutzen, von wo er es kennt
- Aha-Erlebnisse, die während des Tests aufkommen, unmittelbar aufgreifen, d.h. so gefundene Fehler umgehend beheben

13. Usability = „Wird meine Seiten den Leuten klar?“ und „Verhält sich meine Seite wie ein Mensch?“

14. Das Reservoir an Wohlwollen…
- ist bei jedem User anders. Besser immer ein niedriges Wohlwollen annehmen!
- ist situationsabhängig (z.B. ist der User in Eile oder entspannt?)
- kann man auch wieder auffüllen

15. Was verringert das Wohlwollen des Users?
- Gewünschte Informationen werden versteckt (beliebt: Kosten/Preise, Support-Kontakt, etc.)
- Der User wird „bestraft“, weil er etwas nicht so macht, wie die Website es verlangt (z.B. Formate in Eingabefeldern, eingeschränkte Suche, etc.)
- Es werden Informationen vom User abgefragt, die er ungerne preisgibt (zu viele persönliche Daten)
- Man versperrt dem User den schnellst möglichen Weg zum eigentlichen Ziel, z.B. durch aufgeblasene Flash-Animationen mit Marketing-Blabla.
- Die Website wirkt stümperhaft und nicht professionell.

16. Wie kann man das Wohlwollen wieder steigern?
- Die drei Dinge, die die User am häufigsten wollen, direkt hervorheben und schnell verfügbar machen.
- Dem User sagen, was er wissen möchte, und keine Informationen vorenthalten oder verschleiern.
- Dem User unnötige Schritte ersparen, wo es nur geht.
- Bereits im Vorfeld alle wahrscheinlichen Fragen des Users beantworten/eliminieren.
- Druckerfreundliche Seiten erzeugen etc.

17. Darum ist Accessibility/Barrierefreiheit so wichtig.
- Es ist einfach richtig, es zu machen.
- Wir können damit das Leben vieler Menschen gravierend erleichtern/verbessern.
- Es wird vielleicht einmal vorgeschrieben sein.
- Achtung: Es ist schwerer als es sein sollte, eine Site barrierefrei zu machen.

Standard-Werk für jeden

Bild von Daniel Greitens

Standard-Werk für jeden Web-Designer!
Einziger Kritikpunkt: Der Aufbau des Buchs ist echt unruhig. Auch Printmedien kann man unter Usability-Aspekten betrachten, und da ist das schon verwunderlich, dass das Buch kein einheitliches Raster hat. Auf einer Webseite würde der Autor das dem Webdesigner sicher um die Ohren hauen Smile

Viele Grüße,

Daniel Greitens
MVP Visual Developer Expression
http://www.maximago.de

Hi Christian... vielen Dank

Bild von maninweb

Hi Christian...

vielen Dank für die ausführlichen Infos Smile

Jedenfalls verleiten mich Deine Gedanken, doch gleich mal bei meiner eigenen Site nachzuschauen, ob's denn passt. Aber wie es so ist, es lässt sich sicherlich noch was optimieren. Was das Buch betrifft, würde ich zumindestens selbst mal reinschauen wollen, mal schauen ob ich 'ne Leseprobe finde.

Gruß